Porträts
Aus: Kritisches Lexikon Gegenwartsliteratur
Ein Porträt von Bernhard Viel
Joachim Helfers Debüt "Du Idiot" von 1994 erregte, so mutig es war, bei der Kritik wenig
Aufmerksamkeit. Die wenigen aber, die den unbekannten Autor beachteten, applaudierten:
"Ein Talent!". Dem Autor war es gelungen, die realistische europäische
Erzähltradition in Darstellungsmuster einzubinden, die dem Net- und Zap-Zeitalter
Rechnung tragen. Helfers konventionell anmutendes Grundthema, die Suche nach
Identität, begründet einen beherzten Rückgriff auf das Erzählmodell des klassischen
"Quester"-Romans. Zudem kämpft er mit langen Satzperioden, präzis verschachtelter
Tektonik und zunächst verwirrender Erinnerungsstruktur gegen die progressive Bagatellisierung
des Textbegriffs an.
Fraglos gibt Joachim Helfers Prosa ein ästhetisches Programm preis, das gegen die
Gesetze marktgängiger Leseware verstößt. Zu recht bemerkte ein aufmerksamer Kritiker,
Helfer schreibe Johnsons "Mutmaßprosa" fort: indem er Figuren und Welt durch
ausgeklügelte Distanzierungsverfahren in eine diffuse "Als-ob"-Position stelle. Zudem
hat der Autor seine Texte mit einer teilweise identischen Personnage, mit Vor- und
Rückverweisen und stimmigen Perspektivenwechseln so verzahnt und die Wirklichkeit
der alten und neuen Bundesrepublik als zersplitterte und zugleich kohärente Welt konstruiert,
dass sich Johnsons Diktum, die Funktion von Literatur bestehe in dem Versuch,
vergangene Wirklichkeit wiederherzustellen, in verkleinertem Maßstab durchaus
auch auf Helfers Texte anwenden lässt.
Sein ästhetisches Credo hat der Wahlberliner in einer 2000 veröffentlichten, "Fenster
oder was der Wind schuldet" betitelten Selbstaussage bezeichnet: Die Welt, sie sei
hässlich oder nicht, ist schön erst im literarischen Abbild, im Kunstwerk, das nie die
Welt selbst zeigt, vielmehr die Welt als Vorstellung und Modell. Helfers intelligent elitäre
Haltung wirkt in ihrer idealistisch-klassischen Verankerung geradezu herausfordernd
optimistisch, nicht zuletzt, weil er Begriffe wie Vernunft und Autonomie als existenzielle
Möglichkeiten ansieht, wenn auch nur für wenige Einzelne. Seine am tradierten Bildungskanon
geschulte Kulturkritik äußert sich in einer "fintenreich biegsamen" (Gustav
Seibt), in ihrer flirrenden Schärfe an Fernsehbilder erinnernden Sprache, die den Leser
zum nachschaffenden Mitdenken nötigt.
Zumal der Erstling "Du Idiot" ist nichts weniger als ein leichtgewichtiges Stück. Frankfurt,
sein Trabant "Schlafstadt Limesstadt", seine Reihenhausvororte, der Hauptbahnhof,
das Großbürgerviertel Sachsenhausen und die Taunuslandschaft geben die Kulisse
für die Handlung. Der Stoff, eine Kindheit und Jugend in den siebziger und achtziger
Jahren, ist eigenem Erleben entnommen. Helfer lässt den bürgerlichen Bildungsweg
seines Helden am Anfang ruhmlos enden:
"Zur Beflaggung besteht kein Anlass. Eben hast du Abitur gemacht." Dem Weg, den
dieser "Freispruch dritter Klasse" eröffnet, verweigert sich Florian König. Er führte
zurück in eine Gesellschaft, "in der kein Platz für dich vorgesehen war, die dir zumindest
keine Rollenmodelle vorgab - höchstens so undankbare Rollen wie den
Spinner". König entschließt sich zur Flucht nach vorn, die ihn nach Südfrankreich
und in die Arme eines väterlichen Liebhabers bringen soll. Dort hofft der homosexuelle
Protagonist zu finden, was er in Deutschland noch kaum zu suchen wagte:
Schönheit, Kunst, Leben. Zwischen Abitur und Abreise, Beginn und Ende des Textes
spannt sich ein kurzes, an Leiden reiches Leben: In zwei Tagen und zwei Nächten
legt der 18-jährige Florian König sich selbst Rechenschaft ab - das Selbstgespräch
eines verborgenen Ich-Erzählers mit seinem imaginierten "Du " als einer
gleichsam fremden Person. Die Entfremdung aber hebt sich am Ende zukunftsweisend
auf: wenn mit dem erlösenden "Ich?" das vorerst letzte Wort gesprochen ist.
Helfer erzählt eine klassische Initiationsgeschichte, aber er kehrt sie fintenreich um zur
Geschichte der Desintegrierung eines pikaresken Antihelden, der, entschlossen, er
selbst zu sein, zum Helden wird. So maskiert sich die altehrwürdige "Gouvernante"
Bildungsroman als ihre eigene Parodie.
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