Rezensionen zur Verschwulung der Welt

Volker Weidermann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

"Dieses Buch fährt wie ein Blitz in eine dunkle Welt hinein. In eine Welt, die dominiert wird von Haß und Krieg und Terror, einem weiteren und immer weiteren Auseinanderdriften der westlichen und der arabischen Welt auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite wahnsinnig aufgeklärten Kulturdialogen einer aufgeklärten Intellektuellenschicht, die sich bei allen möglichen deutsch-arabischen Kulturaustauschanlässen gegenseitig auf die Schultern klopft,sich aufgeklärt und tolerant gibt und alle Unterschiede negiert.

Dieses Buch verschweigt nichts, kein Vorurteil, keine Intimität und kein Klischee. Mehr als einmal, das bekennt einer der Autoren am Ende des Buches, werden hier die Grenzen des guten Geschmacks verletzt, mehr als einmal staunt man als Leser über diese Offenheit. Über diese Geschichte. Es ist ein Märchen aus der Welt der Wirklichkeit, eine wahre Geschichte, die auf zwei unterschiedlichen Planeten zu spielen scheint. Lebendige Literatur."
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Manuel Karasek in der Netzzeitung:

"Die Verschwulung der Welt" ist eines der besten Bücher der Saison. Schonungslos legen Rashid al-Daif und Joachim Helfer offen, dass es unterschiedliche Moralvorstellungen sind, die arabische von westlichen Gesellschaften trennen."
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Martin Marko in der Welt:

"Wer in der Zeit von al-Daifs Berliner Aufenthalt diesen für die Verhältnisse seines Landes äußerst offen-provozierenden Autor getroffen, dabei jedoch ein eher schütteres Männlein vor sich gesehen hat, könnte über diese Angst vor der Magnetwirkung eigener Maskulinität nur lachen.

Gerade das tut Joachim Helfer nicht. Stattdessen findet er in den Aussagen allerlei kulturell vorgeprägte (Miss-) Verständnismuster. Eingedenk der Tatsache, dass die Emanzipation auch in Europa noch jüngeren Datums ist, spricht er von "Ungleichzeitigkeiten" und "Anachronismen".

Dieser Ansatz ist freilich das Gegenteil von Werterelativismus. Gerade wer den anderen nicht in dessen Kultur einsperrt (und diese nicht als unwandelbar fehldeutet), kann die Universalität der Menschenrechte plausibel und effektiv vertreten: die Gleichberechtigung von Mann und Frau etwa oder die Legitimität lesbischer oder homosexueller Beziehungen. Bei seinem Gegenbesuch in Beirut fand Helfer dann ohnehin heraus, dass dort - freilich oft kaschiert - schwule Begegnungsorte existieren. Deren Besucher sind selbstverständlich ebenso gestandene Libanesen wie der seine Männlichkeit ostentativ betonende Rashid al-Daif.

Während dieser jedoch (schreibt Helfer) bei deutschen Frauen zuerst die Brüste und dann erst die Gesichter wahrnimmt, wird jener (schreibt al-Daif) rot, wenn er in Museen, Restaurants oder auf der Straße junge Männer mit seinen Blicken verfolgt. Derlei aussagekräftiges Pingpong hat mitunter Woody-Allen-Niveau."
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Tilmann Krause in der Welt:

"Wenn al-Daif und Anhang sich beklagen, seine fiktionalisierten Aussagen zum Thema Homosexualität würden zum Nennwert genommen und von Helfer gewissermaßen kultursoziologisch kommentiert (statt literarisch), womit der Deutsche auch noch das letzte Wort behalte, ist das nicht ganz falsch.

Mindestens so triftig ist allerdings auch der Einwand Helfers und seiner Verteidiger, hier flüchte sich jemand in die Stilisierung zum Simpel, um seinen finsteren Vorurteilen freien Lauf zu lassen. Ob finster oder nicht, eines zeigt diese intellektuell hochgerüstete Form des Aneinandervorbeiredens jedenfalls in wünschenswerter Deutlichkeit: Der sogenannte west-östliche Diwan gehört von Grund auf aufgemöbelt, wenn er sich als Ort des Miteinanders bewähren soll - und zwar von östlicher Seite."
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Falk Stakelbeck in der Frankfurter Rundschau:

"Der Reiz von Helfers Text besteht gerade darin, dass er sich selten zu einer nahe liegenden Polemik verführen lässt. Manche Stellen kommentiert er einfach gar nicht. Al-Daif hat sich weit aus dem Fenster gelehnt und gibt dabei nicht immer eine glückliche Figur ab. Er reklamiert für seine Position eine universalistische Perspektive, während Helfer zeigt, dass al-Daifs Perspektive ebenso individuell ist wie die eines schwulen Mannes."
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Hendrik Lakeberg im Tagesspiegel:

"Die Verschwulung der Welt" ist ein äußerst unterhaltsames, in seinen inhaltlichen Volten überraschendes Buch. Darüber hinaus liefert es einen erkenntnisreichen Beitrag zum Diskurs zwischen Orient und Okzident, Tradition und Moderne, der oftmals viel zu verklemmt geführt wird. Dieses Buch zu lesen hat etwas Befreiendes."
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Catherine Newmark in der Berliner Zeitung:

"...die solchen Vorstellungen zu Grunde liegenden Klischees von starken Männern und passiven Frauen analysiert Helfer mit umfassender geschlechtertheoretischer und historischer Bildung. Er hält das alles nicht für spezifisch arabisch, sondern für eine geteilte Tradition, die von den Griechen herkommt und auch im Abendland lange Gültigkeit hatte, ja teilweise noch hat."
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Die tageszeitung hat gleich eine mehrteilige Serie zu der Verschwulung der Welt gedruckt:

René Zucker in der tageszeitung:

"Wenn der interkulturelle Dialog zu solchen Missverständnissen führt wie bei Rashid al-Daif und Joachim Helfer, dann kann das durchaus unterhaltsam sein. Jedenfalls für die LeserInnen."
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Michael Kleeberg in der tageszeitung:

"Was hätte Helfer aus dieser Vorlage in seinem Gegentext nun nicht alles machen können! Seinerseits ein ironisches Porträt Daifs, der weiß Gott genügend Macken hat, die man hätte aufspießen können. Der Brillenträger mit dem schütteren Haar und dem Thermoanorak, der in einem schicken Berliner Salon dekolletierte Damen anbaggert, ein Don Quichotte, der George Clooney spielt.(...) Hätte Helfer sich doch nur eine Sekunde lang auf Daif eingelassen, hätte er ihn doch nur wirklich gesehen!

Stattdessen lobt und tadelt er ihn vom hohen Ross westdeutsch linken, toleranten, multikulturellen Gutmenschentums herab, antifaschistisch und pazifistisch, freiheitsliebend aber alles verstehend, in einer - er möge mir verzeihen - kolonialistisch begütigenden Herablassung, was letztlich ein bezeichnenderes Licht auf deutsche Intellektuelle wirft als auf libanesische Romanciers."
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Brigitte Werneburg in der tageszeitung:

"Michael Kleeberg erkennt in diesem Handwerk die literarische Meisterschaft al-Daifs. Aber sein Lob unterschätzt ihn zugleich. Denn es ist nicht wahr, dass Raschid "viel Interessantes über die Männer- und Geschlechterrollen in arabischen Gesellschaften" preisgibt. Was er preisgibt, ist viel mehr. Es ist die altbekannte Vorstellung von Männlichkeit, die in jeder Gegend der Welt erbärmlich ist. Sie besteht im Konsens der Männer, dass Frauen ihre Beute sind. Schon auf der Straße.

Joachim Helfer jedenfalls ist zu bewundern: Er hat den Sack, den Raschid al-Daif öffnete, nicht gleich wieder zugemacht. Er hat sich - ob mehr oder weniger glücklich - dem von Raschid al-Daif angeschlagenen Thema gestellt, dem sogenannt aufgeklärte, intellektuelle Kreise im Westen regelmäßig ausweichen. Joachim Helfer wurde Vater - einer Tochter. Mag sein, dass ihn das mehr als alle Literatur und die eigene Homosexualität bewogen hat, dem edlen Ritter Raschid in die Parade zu fahren.
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Interview geführt von Martin Reichert in der tageszeitung:

"Vieles von dem, was kritisch über mein Buch geschrieben wurde, entstammt letztlich einer rassistischen Grundhaltung: der Überzeugung, dass sich Araber ontologisch von uns unterscheiden und dass es deshalb imperialistisch-kolonialistisch sei, von ihnen zu erwarten, so wie wir zu sein. Die Grundthese lautet: Man kann doch von einem arabischen Menschen überhaupt nicht erwarten, dass er sich auf das westliche Konzept der Homosexualität einlässt. Zu Ende gedacht ist das rassistisch."
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Andreas Krass in der tageszeitung:

"Es ist eine intellektuelle Freude, Helfers analytischem Furor zu folgen und mitzuerleben, wie er traditionelle Vorstellungen von der Ordnung der Geschlechter und der Sexualität durcheinanderwirbelt. Er jongliert mit den Unterscheidungen von sex und gender, Männern und Frauen, Homos und Heteros, bis kein Stein des heteronormativen Tempels mehr auf dem anderen steht. So schwingt er sich auf zum Retter in der Not all derer, die ihr Leben und Denken nicht auf die heiligen Gebote des Patriarchats verpflichten können oder wollen. Helfers "Verschwulung der Welt" ist auf seine Weise so lehrreich wie Judith Butlers "Unbehagen der Geschlechter" - nur flüssiger zu lesen, weil es sich als biographischer Selbstversuch präsentiert."
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Andreas Müller im Darmstädter Echo:

"Wer nicht weiß, warum es wichtig ist, für die Werte der Aufklärung, der verantwortungsbewusst gelebten Freiheit einzutreten, der muss dieses Buch lesen."
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Hans-Martin Schönherr-Mann im Deutschlandfunk:

"In diesem spannenden Dialog, bei dem beide Autoren durchaus hart zur Sache gehen, führt der eine die homosexuelle Lebensform des anderen nicht nur als absurd vor. Rashid al-Daif versucht Joachim Helfer auch von seinem unvernünftigen Weg abzubringen, und Helfer hat überraschenderweise nicht nur Schwierigkeiten seine Lebensform zu verteidigen. Das liegt vor allem an einer mangelnden Konsequenz seiner Positionen, mit denen er eher an die gesellschaftliche Mitte anschließen möchte, als eine grundsätzliche Gesellschafts- und Institutionenkritik zu entwickeln. Warum wollen Homosexuelle unbedingt heiraten anstatt froh zu sein, dies nicht zu müssen?"
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Marko Martin im Deutschlandradio:

"...gerade wer den jeweils anderen nicht in dessen Kultur einsperrt (und diese nicht als unwandelbar fehldeutet), kann Menschenrechts-Universalismen wie jene von der Gleichberechtigung von Mann und Frau oder der Legitimität lesbischer oder homosexueller Beziehungen plausibel vertreten."
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Volker Kaminski auf qantara.de:

"Wir lernen viel über den Abgrund, der zwischen zwei so verschieden geprägten Kulturen noch zu überwinden ist, erfahren etwas über die verzweifelte Situation von Homosexuellen und Frauen im Libanon, die sich aus den von der Tradition geprägten Mustern befreien wollen. Es wird uns aber auch klar, wie relativ neu Gleichberechtigung und Freiheit in unserer Gesellschaft sind, und dass sie weiterhin verteidigt werden müssen."
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Joachim Bartholomae:

"Ich komme mir ein bisschen so vor wie nach dem Fall der Mauer, als die DDR-freundliche Linke erfahren musste, dass es "Drüben" im Wesentlichen wirklich so gewesen ist, wie die rechten Hetzpolitiker behauptet hatten."
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Auch im arabischsprachigen Raum gab es einige Rezensionen, auf Englisch, Französisch, sowie Arabisch. Die Arabischen sind hier grob ins Englische übersetzt:

Nicola Liscutin in Kalimah:

"Deceptively veiled and hailed (in the epilogue) as the product of a dialogue between two writers, the German book is not just another case-study of "lost in translation" but also an appalling example for the all too familiar politics of Orientalism."
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Ken Seigneurie, Paper presented at the Modern Language Association Annual Convention:

"I have a sitcom screenplay I want to pitch to a Hollywood producer but since I don't know any, you'll have to do. Here we go. There's this 50-something Arab heterosexual male born and raised in the mountains of Lebanon and living in Beirut, accepts to spend six weeks in gay Berlin where he must work cheek-by-jowl with a 30-something member of the sophisticated Berlin gay community. Lots of Arab-in-the West hijinks. What do you think? "No," you say, "What about the second season?" OK, the German, who is in this decades-long relationship with a man 37 years his senior, comes to Beirut for three weeks, and the intercultural antics continue but this time it's a German in the Arab world. How about that? "No," again. "You need a serious subtext for the third and following seasons." OK, this gay German I've been telling you about falls in love in Beirut with . . . a woman, impregnates her then and there - or thinks he does - and returns to Berlin. Can't get her out of his mind. They try again, miscarriage, then another try and at last the woman conceives and gives birth to a girl. All this time, the gay German is still living with the 70-something gay partner who happens to be Jewish into the bargain."
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Samir Grees in Al Hayat:

No doubt the book honestly tries to approach the subject of homosexuality, which is still a taboo in our conservative Arab societies, and what is nice in the text is that al-Daif doesn't issue moral judgment, nor condemns, but tries to understand and to discover this totally strange world for an author whose society "celebrates masculinity and glorifies it". But what is annoying in "the Return of the German to his Reason" is the text's restrictedness, starting with the title, on Helfer's sexual tendencies, and then of the return of "reason" to him after having an intimate relationship with a female German journalist in Beirut. Although the "madness" came back to the German on his way back to Berlin, al'Daif saw in this Beirut experience "a turning point in the German author's life" and that's why he was enthusiastic to write about it.
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Arabisches Original


Rashid al Daifs bester Freund Abbas Beydoun in As Safir:

"The Return of the German to his Reason"- A nearly revengeful title, though all the novel was written with a mathematical curiosity, and a near-scientific spirit of discovery. I guess those kind of meetings don't lack of a certain conflict. And the title is an attestation that Rashid won over the German homosexual and put him back in his place."
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